HUBERT HOFMANN
KUNST

Sicht und Kilmadecor in Meggen


 

Schul- und Sportanlage Meggen, bei Luzern, Um- und Erweiterungsbau 2004-2005, Architektur A. Linke, A. Weber, HP. Bysäth, E. Gärtner, Luzern
Sicht- und Klimadecor Hubert Hofmann Farbkonzept Monika Kiss Horvath
Kunstkonzept Monika Kiss Horvath, Hubert Hofmann, Luzern
Mitarbeit Elisabeth Grossmann, Haus Konstruktiv Zürich Kunst am Bau Hamish Fulton, GB

Laudatio Meggen vom 4. Mai 2006

Ist es Zufall oder Signal für ein tief greifendes Umdenken? Seit einigen Jahren können wir verfolgen, dass die Diskussion über Architektur und Städtebau nicht mehr nur auf Fachgremien und Fachzeitschriften begrenzt ist, sondern in Tagespresse und Lifestyle-Magazinen intensiv an Interesse gewinnt. Offenbar haben wir es nicht nur mit einem vorübergehenden Modetrend zu tun, geht es doch bei der Auseinandersetzung um mehr als pure Gestaltungs- oder Geschmacksfragen. Architektur, können wir aus der aktuellen Debatte schliessen, wird vermehrt in den sozial-öffentlichen Kontext eingebunden. Sie wird als Mehrwert angesehen, der sich durch das Schaffen von Atmosphäre und Struktur unmittelbar auf das Empfinden von Lebensqualität niederschlägt. Architektur und Städteplanung vermögen, sofern intelligent konzipiert, das Wohl- und Sicherheitsgefühl der Bewohner zu stärken. Sie schaffen Identität und Selbstbewusstsein und werden, denken wir an Grossprojekte wie etwa Nouvels Kongresszentrum in Luzern gerne als Standortschachzug im Sinne eines wirtschaftsfördernden ?Branding" eingesetzt.

Was für städtische Zentren rechtens ist, durch intelligente Planung und gute Architektur die Lebensqualität zu steigern, hat durchaus auch für mittlere und kleine Ortschaften Berechtigung. Und für urbane wie regionale Zentren gilt, dass mit der neuen Gewichtung der Architektur auch der zugehörige Bereich Kunst und Bau in den Fokus rückt. ?Kunst am Bau ist in der Architektur eine sehr komplexe Aufgabe" schreibt das Architektenteam Linke/Weber in der Begleitbroschüre zu Sporthalle und Schulraum Meggen. Man hört aus diesem Statement sowohl die Faszination wie auch die zeitweiligen Seufzer heraus. Noch vor ein paar Jahrzehnten hätten Linke/Weber mit einer figürlichen Heroenplastik als Signum sportlich-geistiger Ertüchtigung die Umgebung zufrieden stellen können. Solch'   vordergründige Lösungen von Kunst und Bau sind heute allerdings nicht mehr gefragt, schon gar nicht vom genannten Architektenteam. Linke/Weber gingen, im Einvernehmen mit der Bauherrschaft, konzeptuell tiefgründiger und umfassender an das Projekt heran. Ihnen schwebte vor, den im Bau praktizierten Unterricht, sei es die Förderung von Teamgeist, von Orientierungsfähigkeit und Selbstvertrauen oder auch von Toleranz und Weltoffenheit, ideell in das künstlerische Konzept einzubinden und damit eine klare Analogie zu der weltoffenen Ausformulierung der Architektur zu schaffen. Dem ideellen Grundkonzept bezüglich Kunst und Bau folgte die enge Kooperation mit drei ausgewählten Kunstschaffenden, von denen zwei für einen spezifischen Ort und eine dritte für das umfassende Farbkonzept verantwortlich zeichneten. Es sind dies Hubert Hofmann, Hamish Fulton und Monika Kiss Horvath.

Insbesondere Monika Kiss Horvath sah sich einem äusserst anspruchsvollen Auftrag gegenüber; ihr wurde die Aufgabe übertragen, den Bau im Innen- und Aussenbereich farblich zu determinieren und in Abstimmung auf die Baustruktur eine Farbstruktur zu entwickeln. Entschieden hat sich Monika Kiss Horvath für den in der klassischen Moderne zentral aufkommenden Dreiklang der Primärfarben, punktuell angereichert mit Grau und Silber sowie der Nichtfarbe Weiss. Die so genannten Primärfarben Rot, Gelb und Blau strahlen unterschiedliche Energien aus und werden physisch und emotional unterschiedlich wahrgenommen. Rot spielt innerhalb der Trias eine aktive und dynamische Rolle, wirkt körperlich nah und verfügt über starke Präsenz. Blau öffnet den Raum, wirkt kühlend und beruhigend und assoziiert Ferne und Weite. Gelb wirkt heiter, regt die geistige Aktivität an und befreit. Aus diesen drei Farben, der Nichtfarbe Weiss, dem Mittelwert von Grau und dem Schmelz von Silber hat Kiss Horvath quasi ein dreidimensionales konstruktives Gemälde geschaffen, das begeh- und benutzbar ist. Grossformatige monochrome Wand- und Bodenflächen und kleinteiligere Einsprengsel fügen sich zu einer lebhaften Rhythmik mit unterschiedlichen Abläufen. Sie führen die Benutzer durch die verschiedenartigen Farbströme hindurch und geben ihr energetisches Potential in gleichzeitig ausgewogenem wie dynamischem Spiel von Warm und Kalt, von Stark und Sanft, von Ruhig und Bewegt ab. Es war die holländische Richtung des de Stijl mit ihren berühmten Vertretern Piet Mondrian und Theo van Doesburg, die in den 1920er Jahren an solch' farbplastischen Ideen gefeilt und mit ihren farbenergetischen Konzepten den Weissanstrich von Baukörpern in die Schranken gewiesen hatten. Durch Plastizität und energetische Kräfte in harmonischem Zusammenspiel den die Räume benutzenden Menschen zu stimulieren, hatten sie sich als Ziel gesteckt. Dass ihre Ideen bis heute greifen, sofern man sich klug und aus heutigem Standort mit ihnen auseinander zu setzen vermag, zeigt sich in vorbildlicher Weise in der farbplastischen Realisierung der Künstlerin.

Klarheit der Konzeption, Stringenz gepaart mit Eleganz und ein Quentchen verschmitzten Humors zeichnen die Fassadengestaltung von Hubert Hofmann aus. Der spezifische Ort für den künstlerischen Eingriff ist die äussere Front der Sporthalle, die mit ihrer Dimension von 42 m Länge und 8 m Höhe auf sich aufmerksam macht. Der Künstler beschränkt sich auf das Zusammenspiel von Schwarz und Weiss, die hier das gestalterisch-sportive Zweierteam abgeben. Der durchgehende Fries unterstreicht die Breite des Baukörpers und akzentuiert die Grosszügigkeit der Anlage. Dass Hubert Hofmann unter vielen möglichen Strukturen das Design des Karo wählte, hat mit dessen Übertragung von der bildenden Kunst in den Sportsektor zu tun; das Karomuster ist hier allgegenwärtig, sei es in der Sportbekleidung oder auch der Zielflagge des Rennsports. Der Horizontalakzentuierung des Frieses fügt Hubert Hofmann eine zweite Struktur in der Vertikalen beiseite. Das Siebdruckmuster in Black and White ist so konzipiert, dass sich ein Verlauf in der Senkrechten ergibt, der sich von unten nach oben stufenlos verdichtet und mit den Faktoren von Lichtdurchlässigkeit und -undurchlässigkeit spielt. Waagrechte und Senkrechte sind somit optisch miteinander verwoben und räumlich in alle vier Himmelsrichtungen choreographiert. Bereits aus der Ferne weckt das schwarz-weisse Karomuster der Fassade unsere Aufmerksamkeit. Gestalterisch in seiner klaren Struktur überzeugend, wirkt es mit seiner Sport-Paraphrase gleichzeitig wie ein einladendes Heranwinken, sich an den im Inneren des Gebäudes stattfindenden Teamspielen und Aktivitäten persönlich zu beteiligen.

Mit sportlicher Aktivität im weitesten Sinne, d.h. mit physischer und psychischer Grenzerfahrung, hat auch der künstlerische Eingriff des Engländers Hamish Fulton im Innenbereich zu tun. Bereits bei der ersten Besichtigung kristallisierte sich beim Künstler die Idee eines auf drei Seiten verlaufenden Wandfrieses heraus. Bei diesem Konzept ist es geblieben, entspricht doch ein solchermassen ?langatmiger' Bewegungsverlauf durchaus dem Konzept des ?Walking Artist". Die Benennung ?Wandernder Künstler" ist vom Künstler selbst vorgenommen und umschreibt in für ihn typisch trockener Weise seine Vorstellung von Kunst. Fulton ist in 63 Tagen die rund 3000 km von Bilbao nach Rotterdam gewandert und hat in Asien Achttausender ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen. Was ihn als Menschen und Künstler bewegt, ist die durch das Wandern erfolgende Transformation. ?Step by Step', Schritt für Schritt, zu Fuss unterwegs, in schöner und hässlicher Umgebung, in unberührter Natur wie im urbanen Raum, durchschreitet Fulton auf seinen Wanderungen Raum und Zeit. Wandern lehrt Dich sehen, es verändert Dich, Du erfährst das Wesentliche über Dich selbst und Du erlebst die Natur und gleichzeitig ihre Zerstörung, sagt der Künstler. Mit seinen ?Walks" ruft er Fragen nach unserem Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen und nach unserem Selbstbild auf und fordert uns zu Wanderungen zu uns selbst und der Erfahrung der Welt auf. Für das ?Meggen Project' hat Fulton eigens eine Wanderung unternommen, die als Ausgangspunkt für das projektierte Wandbild diente. Es war eine Wanderung von 13 Tagen, die den Künstler, bei übrigens miesen Wetterverhältnissen, von Giswil zu den Höhen des Mändli, des Gibel, des Pilatus, des Tomlishorn und der Rigi sowie über Meggen nach Basel führte. Der Hintergrund des Wandbildes ist in der Farbe des Himmels gehalten und die Fusswanderung in Form von Schrift und Kontur in Schwarz und Weiss festgehalten. Nur die Informationen werden uns geliefert, während alles Anekdotische, Pathetische oder Sentimentale als unwichtige Ablenkung von der eigentlichen Kunst-Aktion ausgespart ist. Durch die Wanderung und das Wandbild wird der Ort Meggen in ein von Fulton erwandertes Liniennetz eingebunden. Denn das Meggen-Projekt steht nicht alleine. Mit dem Endziel Basel schliesst Fulton an die 2002 unternommene Wanderung von Bilbao nach Rotterdam an und von Basel aus führte ihn eine anschliessende Wanderung nach Samedan und den Lai da Tuma. So werden durch die vom Künstler erwanderten Strecken Regionen, Länder und Kulturen zu einer Gesamtheit verbunden. Durch Fultons Kunstwerk sind der Ort Meggen und seine Bewohner durch unsichtbare Linien mit Europa, ja mit der Welt verbunden.

Drei Künstler haben sich jeder auf seine Weise mit der Funktion und der Sprache des Baus auseinandergesetzt und ihren Diskurs, in Abstimmung mit dem Architektenteam, in eine überzeugende künstlerische Form gebracht. Gemeinsame Idee waren Weltoffenheit und Sensibilisierung für die Wahrnehmung, von Kunst und Architektur und der Umwelt insgesamt. Weder Kunst noch Architektur können Menschen zu Besserem erziehen. Aber sie können eine Atmosphäre schaffen, welche Körper, Geist und Herz aktiviert und dies ist, so darf ich sicherlich im Namen der Beteiligten und der Benutzer äussern, auf vorbildliche Weise gelungen.

Elisabeth Grossmann